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Auswandern nach Uruguay

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Streit um den Verbleib der sterblichen Überreste von José Artigas

Geschrieben von Manfred Burger   
Erstellt: Montag, 22. Juni 2009

Kaum hatte ich meinen Artikel "Vom Viehdieb zum Nationalheld aller Klassen: Wer war José Artigas?" in diesem Magazin anläßlich des 245. Geburtstags des uruguayischen Nationalhelden veröffentlicht, da bestätigten die Ereignisse, daß Artigas bis zum heutigen Tag Referenzfigur und Ikone für praktisch alle Uruguayer ist.

Der jetzt entbrannte Streit über die von Präsident Tabaré Vázquez angekündigte beabsichtigte Verlegung der sterblichen Überreste des Nationalhelden spricht Bände und zeigt auch, daß es in der uruguayischen Gesellschaft noch offene Wunden gibt, die von der Militärdiktatur (1973-1985) herrühren.

Keine Staatszeremonie wie sonst immer

Die Feierlichkeiten auf der Plaza Independencia in Montevideo anläßlich des 245. Geburtstags des Nationalhelden José Artigas hatten am 19. Juni 2009 begonnen wie immer. Der Verkehr um den Platz der Unabhängigkeit war gesperrt, Gardesoldaten waren angetreten, eine Militärkapelle spielte, Fahnen und Fähnchen wurden geschwenkt. Viel Prominenz war anwesend, darunter das gesamte Kabinett der Regierung Vázquez (Frente Amplio), sowie zahlreiche Bürger und Schaulustige.

Doch dann, als Staatspräsident Tabaré Vázquez dabei war sein Blumenbouquet zu Ehren des "Generals der freien Menschen" (= Artigas) am Fuß des Artigas-Reiterstandbilds niederzulegen, erscholl ein Zwischenruf: "Artigas bleibt hier! Artigas geht hier nicht weg!" (S. z.B. den Artikel und Fotos in der Tageszeitung El País und El Observador v. 19. 6. 2009.)

Was war geschehen?

Geplante Verlegung der Urne mit Artigas' Asche

Kurz zuvor war bekannt geworden, daß Präsident Vázquez die Urne mit Artigas' Asche, die derzeit in dem Mausoleum unter dem Reiterdenkmal auf der Plaza Independencia steht, umverlagern will in das Regierungsgebäude "Edificio Independencia", auch "Palacio Estevez" genannt und ebenfalls an der Plaza Independencia gelegen, das in ein Artigas-Museum umgewandelt werden soll (vgl. El Observador v. 19. 6., El Espectador v. 20. 6.).

Andere hatten diese Nachtigall schon vorher trappsen hören (s. Artikel auf Montevideo COMM v. 15. 6.).

Diese Entscheidung hatte Vázquez alleine getroffen, ohne sie vorher mit Vertretern anderer politischer Parteien oder gesellschaftlicher Gruppen abzusprechen. Offenbar war er sich der Unterstützung seines Frente Amplio und der Mehrheit der Uruguayer sicher. Und das kann er in dieser Angelegenheit auch sein.

Wie zu erwarten: Kritik der Opposition

Kritik aus den Reihen der Opposition von Blancos und Colorados folgte natürlich auf dem Fuß. So äußerte z.B. Luis Alberto Lacalle, der aussichtsreichste Kandidat der Blancos bei den Präsidentschaftskandidaten-Wahlen in knapp einer Woche ("Elecciones Internas" v. 28. Juni): Die Toten solle man "nicht hin- und her verfrachten". Artigas' Reste befänden sich bereits "an einem sehr schönen Ort, dem Mausoleum".

Daß dieses unter der Militärdiktatur gebaut worden sei, gegen die er, Lacalle, gekämpft habe, "was soll das heißen?" Und er schob die ironische Frage nach, ob die Vázquez-Regierung jetzt z.B. auch die Zufahrtsstraßen nach Montevideo zerstören wolle, nur weil sie unter der Militärregierung gebaut wurden (s. El País v. 19. 6.)?

Wenig später legte Lacalle noch etwas nach: "Das Zentrum unserer nationalen Identität befindet sich hier in diesem Mausoleum und in diesem Monument, und dort soll es auch bleiben." (S. El País v. 21. 6.)

Sein innerparteilicher Rivale um die Präsidentschaftskandidatur der Blancos, Jorge Larrañaga, klang etwas moderater. Er möchte gerne die "Gründe" von Vázquez kennenlernen, sagte er. Aber wenn da "Revanchismus" [gegen das frühere Militärregime] mit im Spiel sei, dann könne man auf ihn nicht zählen. Und so Manches "rieche" hier nach Revanchismus, sagte er.

Aus den Reihen der Colorados kam auch nichts Anderes (s. z.B. den Artikel in La República v. 16. 6.), und die Polemiken gehen seit Tagen weiter. Jetzt hat sich auch noch der starke Mann der Colorados, Ex-Präsident Julio María Sanguinetti, auf einer Wahlkampfveranstaltung seiner Parteiströmung "Foro Batllista" in die Debatte eingeschaltet. Tabaré Vázquez sei auf dem Holzweg, meinte er, und die Urne mit Artigas' Asche stünde schon am bestmöglichen Ort, nämlich im Artigas-Mausoleum (s. Montevideo COMM v. 24. 6.).

Der Historiker Guillermo Vázquez Franco raisonierte: "Die Toten soll man in Frieden ruhen lassen" und erinnerte daran, daß die Urne von Artigas schon mehrfach umher transportiert worden sei: zuerst von Paraguay nach Montevideo, wo sie erst einmal "verlassen im Zoll" herumgestanden habe. Danach sei sie in den Nationalpantheon des Montevideaner Zentralfriedhofs verbracht worden. 1950 wurde sie schließlich, anläßlich von Artigas' hundertstem Todestag, drei Tage und drei Nächte am Obelisken von Montevideo ausgestellt. Danach gab es noch eine weitere Urnen-Verfrachtung, und schließlich kam sie dann in das neu errichtete Mausoleum, am Tag von dessen Einweihung am 19. Juni 1977 (s. El País v. 19. 6.).

Alle sehen sich in der Nachfolge von José Artigas

Warum so viel Gezeter? Alle politischen Parteien und Gruppierungen hier in Uruguay sehen sich in der Nachfolge von José Artigas. Die Colorados und Blancos sowieso, sind ihre Parteien doch unmittelbar aus der nationalen Unabhängigkeitsbewegung hervorgegangen, die Artigas begründet hatte. ...

Und die Leute vom Frente Amplio, der dritten großen politischen Gruppierung in Uruguay, derzeit an der Regierung, halten sich seit jeher für die besseren Artiguisten.

Und das würde vielleicht auch Artigas selbst so sehen, wenn er denn noch leben und in solchen Begrifflichkeiten denken würde. Von seinen ehemaligen Weggefährten, den späteren Gründervätern der traditionellen uruguayischen Parteien, war Artigas ja im Stich gelassen und verkauft worden, bzw. diesen Leuten war es nach der Befreiung von der spanischen Kolonialherrschaft um etwas Anderes gegangen als Artigas, nämlich um Macht und Pfründe, nach denen Artigas nie gestrebt hat.

Nunca más! Nie wieder!

Hintergrundinformation:

Gleichzeitig mit dem Geburtstag von José Artigas wird in Uruguay neuerdings der Gedenktag "Nunca más!" / "Nie wieder!" begangen, den die Frente-Amplio-Regierung 2007 eingeführt und bewußt auf den 19. Juni gelegt hat, Artigas' Geburtsdatum. Mit "Nunca más!" / "Nie wieder!" sind Autoritarismus und Staatsterrorismus gemeint, mit Blick auf das Militärregime bis Mitte der 80er Jahre.

Seither werden beide Gedenktage zusammen begangen, was vom Frente Amplio auch so beabsichtigt war.

Der Opposition ist dieser neue Gedenktag natürlich ein Dorn im Auge, für den sie nur Hohn und Kritik übrig hat. Von einer "gescheiterten Erfindung des Frente", einer "Respektlosigkeit gegenüber Artigas" usw. ist da die Rede.

Ob sie damit allerdings so ganz Recht hat, sei mal dahingestellt.

Die Gründe von Tabaré Vázquez

In seiner Rede anläßlich des Nunca-Más-Gedenktags hat Tabaré Vázquez ausgeführt: "Artigas vereint und inspiriert uns, und wir Uruguayer dürfen diesen Menschen aus Fleisch und Blut nicht enttäuschen! ... Sein einziger Rückhalt war, ist und wird immer sein Volk sein, das heute am 19. Juni seinen Willen und seine Entschlossenheit erneuert, daß es nie wieder Mißgunst und Kampf zwischen Uruguayern geben wird, und daß der Horror der jüngeren Vergangenheit [= Militärregime] nie wiederkehrt, nunca más!" (S. El País v. 19. 6.)

Am Abend des 19. Juni hielt Regierungschef Vázquez dann eine Radio- und Fernsehansprache, in der er seinen Entschluß der Urnenverlegung begründete.

"Artigas ist nicht Vergangenheit. Artigas ist Gegenwart und Zukunft", sagte Vázquez. “Wir müssen Artigas aus dem kalten Mausoleum befreien, in das ihn der Autoritarismus [= Militärregime] eingeschlossen hat." "Es ist eine Frage von Gerechtigkeit und Demokratie ihn mit dem warmen Affekt seines Volkes zu begleiten. Deswegen werden seine sterblichen Überreste in Kürze im Edificio Independencia eine neue Heimstatt finden." (S. El País und Montevideo COMM v. 19. 6.)

Was zu vermuten gewesen war, daß Artigas' Urne in eine Umgebung verbracht werden soll, die nichts mit der Militärdiktatur zu tun hat, war nun nochmals bestätigt.

Eine persönliche Meinung

Als ich in den Nachrichten zum ersten Mal von der geplanten Verlegung von Artigas' Urne und der damit verbundenen Auseinandersetzung hörte, war mein erster Gedanke: "Haben die nichts Anderes zu tun?"

Doch schon der zweite Gedanke war: "Tabaré Vázquez hat eigentlich Recht!"

Ich war natürlich als Uruguay-Frischling auch irgendwann einmal in dem Artigas-Mausoleum gewesen und kann mich noch gut an das beklemmende Gefühl erinnern, das mich da beschlichen hatte. Alles war so finster, kalt und militaristisch - kein Ort, an dem man sich länger als unbedingt nötig aufhalten wollte. Absolut nichts lud zum Verweilen ein, am wenigsten die starr blickenden Wachsoldaten mit ihren aufgepflanzten Bajonetten.

Sicher ist das kein passender Ort für die sterblichen Überreste eines so lebensfrohen Menschen, wie es José Artigas war, der zudem für das hundertprozentige Gegenteil von dem stand, was die südamerikanischen Militärdiktaturen repräsentierten.

Der Umzug der Artigas-Urne ist erst der Anfang?

In seiner Ansprache vom 19. Juni kündigte Präsident Vázquez außerdem an, daß das Jahr 2011 als "200jähriges Jubiläum des Emanzipations- und Selbstbestimmungsprozesses" ("bicentenario del proceso de emancipación y autodeterminación") begangen werden soll mit Veranstaltungen, Kongressen, Manifestationen und Feiern das ganze Jahr über. (1811 hatte die Rebellion von Artigas gegen das spanische Kolonialreich begonnen.) Um dieses Projekt landesweit zu organisieren werde in Kürze ein Komitee in's Leben gerufen, bestehend aus Regierungsvertretern und Repäsentanten gesellschaftlich relevanter Gruppen, versicherte Vázquez.

Und als ob das alles nicht schon genug gewesen wäre für Blanco- und Colorado-Kreise, kündigte der Verkehrsminister von Tabaré Vázquez, Víctor Rossi, am selben 19. Juni 2009 an, daß am 23. Juni eine Arbeitsgruppe seines Ministeriums damit beginnen werde die "Neugestaltung" der Plaza Independencia zu planen in Zusammenarbeit mit dem Architekturdezernat des Bauministeriums, Vertretern der Militärs, Beauftragten der Stadtverwaltung und Anderen.

Im Klartext heißt das, daß wahrscheinlich nicht nur Artigas' Urne aus dem Mausoleum ausgelagert werden wird, sondern daß vermutlich das gesamte Mausoleum samt Reitertandbild geschleift bzw. einer "Neugestaltung" der Plaza zum Opfer fallen werden (s. Tageszeitung El País v. 19. 6. 2009).

Was für ein Tag, dieser 19. Juni 2009! Ein Tag für die Annalen.

"Bravo!" kann ich dazu nur sagen, denn ehrlich gesagt ist dieses Mausoleum samt Reiterdenkmal wirklich potthäßlich, ein rigider Klotz aus Marmor und Eisen.

Das Reiterstandbild von Artigas könnte z.B. auf einem Kinderspielplatz aufgestellt werden. Da könnten die Kleinen dann darauf herum turnen und den alten Haudegen mal an der Nase kitzeln oder ihm die Ohren lang ziehen. Artigas selbst würde das bestimmt besser gefallen als immer so einsam auf die Avenida 18 de Julio glotzen zu müssen.

 

Nachtrag v. 17. 2. 2010:

Das Artigas-Museum wurde zwar im Palacio Estevez an der Plaza Independencia eingerichtet, aber die Reiterstatue von Artigas steht noch immer auf der Plaza Independencia, und die Urne mit der Asche des uruguayischen Nationalhelden wurde an ihrem Ort belassen: im Mausoleum unterhalb des Reiterstandbilds. Die öffentliche Meinung war einfach mehrheitlich gegen eine Verlegung.

 

Kommentar von Manfred am 23. Juli 2009:

Heute stimmte der uruguayische Senat mit 17 zu 9 Stimmen einem Gesetzesentwurf zu, der die Verlegung der sterblichen Überreste von José Artigas aus dem Artigas-Mausoleum in das Edificio Independencia autorisiert (s. El País v. 22. 7. 2009).

Auch in der anderen Parlamentskammer, dem Repräsentantenhaus, kann die Initiative von Präsident Tabaré Vázquez auf eine Mehrheit zählen, der im übrigen nichts dagegen hätte, das Thema durch eine Volksbefragung entscheiden zu lassen.

Kommentar von Manfred am 6. August 2009:

Nach gestern veröffentlichten Umfrageergebnissen des Meinungsforschungsinstituts "Cifra" sollen 56% der uruguayischen Bevölkerung gegen die von der Regierung geplante Verlegung der Urne von Artigas sein und nur 24% dafür. Der Rest ist unentschlossen oder hat keine Meinung.

Lt. "Cifra" war die an 1.004 Personen lansdesweit durchgeführte Umfrage repräsentativ für alle Altersgruppen, Schicht- und Parteizugehörigkeiten.

Nach politischen Sympathien aufgeteilt sprechen sich 46% der Sympathisanten des Frente Amplio für die Verlegung aus und 28% dagegen, während die Anhänger der traditionellen Parteien das Vorhaben entschieden ablehnen: 81% der Blancos und 85% der Colorados.

(Quelle: El País v. 6. 8. 2009.) 


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