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Auswandern nach Uruguay

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Die uruguayischen Vorwahlen 2009: Ein Schlag in's Gesicht des Frente Amplio

Geschrieben von Manfred Burger   
Erstellt: Sonntag, 28. Juni 2009

Der ganze gestrige Sonntag, 28. Juni 2009, stand in Uruguay unter dem Zeichen der Präsidentschaftskandidaten-Wahlen ("Elecciones Internas").

Schon ab früh wurde in Radio und Fernsehen darüber berichtet. Canal 12 brachte tagsüber zwischendurch kurze Live-Reportagen von diversen Wahllokalen, vermischt mit Interviews und Experten-Analysen. Von 18 bis 24 Uhr gab es dann eine durchgehende Wahlsondersendung. Die andere Programmation wurde gestrichen. In den anderen uruguayischen TV-Kanälen sah es ähnlich aus.

Die Ergebnisse waren, was die Wahl der Kandidaten angeht, im Wesentlichen wie erwartet und wie im Uruguay-Magazin prognostiziert. Aber bei den Stimmanteilen, die die Parteien auf sich vereinigen konnten, gab es eine große Überraschung!

Bei den Parteien lag nicht der Frente Amplio vorn, sondern der Partido Nacional (Blancos) mit einer deutlichen Differenz von gerundet 12%. Die Blancos siegten in allen 18 Departamentos des Landesinneren. Nur in Montevideo gewann der Frente Amplio.

Das eröffnet völlig neue Perspektiven für die allgemeinen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Oktober 2009.

Die Wahlergebnisse / Statistisches

Nachfolgend die offiziellen Wahlergebnisse für die Präsidentschaftskandidaten-Wahlen 2009 in Uruguay (Quellen: El País , La República , El Observador), die sich noch minimal ändern können:

Partido Nacional ("Blancos"): 49,26%

  • Luis Alberto Lacalle: 55,30%
  • Jorge Larrañaga: 44,61%
  • Irineu Riet: 0,08%

Frente Amplio: 37,40%

  • José "Pepe" Mujica: 59%
  • Danilo Astori: 35%
  • Marcos Carámbula: 6%

Partido Colorado ("Colorados"): 12,63%

  • Pedro Bordaberry: 71,66%
  • José Amorín: 16,90%
  • Luis Hierro: 10,75%
  • Daniel Lamas: 0,54%
  • Eisenhower Cardoso: 0,12%
  • Pedro Etchegaray: 1 Stimme

Die Wahlbeteiligung war mit rund 40% niedriger als erwartet und geringer als 2004 (46%) und 1999 (54%).

Bei den nationalen Wahlen im Oktober wird es nun tatsächlich zu dem erwarteten 'Duell' zwischen José "Pepe" Mujica (Frente Amplio) und Luis Alberto Lacalle (Blancos) kommen. Und es wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen zweiten Wahlgang (Ballotage) im November geben müssen, da wohl keiner der Aspiranten in der ersten Runde über die 50%-Hürde kommen wird.

Hochstimmung, Feiern und Einigkeit bei den Blancos

Nachdem die ersten Hochrechnungen bekannt geworden waren, herrschte bei den Blancos natürlich Hochstimmung. Sie feierten ihren Erfolg mit einem "Acto Solemne" ("feierlichen Akt") in ihrem Parteisitz an der Plaza Matriz, zu dem die ganze Parteiprominenz versammelt war, unter Anwesenheit von TV-Kameras, die live übertrugen.

Lacalle beschwor in einer bewegenden Rede die Geschichte der Partei, fand freundliche Worte für seinen Rivalen und gab zu, daß seine Regierung von 1990 bis 1995 "menschlichen Versuchungen" erlegen sei. Vor allem Letzteres kam einer Sensation gleich, gab Lacalle damit doch indirekt Korruptionsfälle seiner Regierung zu.

In seiner Antwort stellte Jorge Larrañaga das Wohl des Landes und der Partei über persönlichen Ehrgeiz - und akzeptierte Lacalles Angebot sein Vizekandidat und, im Falle eines Wahlsieges, Vizepräsident zu werden, das Lacalle ihm vor dieser Zusammenkunft telephonisch gemacht hatte.

Frenetischer Applaus, Umarmungen und Schulterklopfen. Zum Abschluß wurde von allen Anwesenden mit Inbrunst die Parteihymne gesungen.

Foto: Die versöhnende Umarmung zwischen Luis Alberto Lacalle und Jorge Larrañaga. Larrañaga hatte soeben Lacalles Angebot zur Zusammenarbeit akzeptiert.

Luis Alberto Lacalle und Jorge Larrañaga in Siegerpose vor ihren Parteianhängern.   Anhänger des Partido Nacional vor dem Parteigebäude auf der Plaza Madriz.
 
Foto links: Luis Albero Lacalle und Jorge Larrañaga zeigen sich nach ihrer Einigung in Siegerpose auf dem Balkon des Blanco-Parteisitzes an der Plaza Matriz ihren Anhängern.

Foto rechts: Jubelnde Anhänger des Partido Nacional auf der Plaza Matriz.

Nachdem die Direktoriumssitzung des Partido Nacional beendet war, fuhren die Parteianhänger in einer Autokarawane mit vielen Fahnen und Gehupe durch das Zentrum und beherrschten die Avenida 18 de Julio - wo eigentlich eine Fiesta des Frente Amplio erwartet worden war, die aber nur im Kleinformat stattfand.

Mit ihrem Erfolg und der Demonstration von Einigkeit haben die Blancos einen Meilenstein für die Wahlen im Oktober gesetzt.

Gedämpfte Stimmung beim Frente Amplio

Beim Frente Amplio waren nur zwei der drei Vorkandidaten zur großen Abschlußveranstaltung vor dem Parteibüro in der Avenida 18 de Julio gekommen: José Mujica und Marcos Carámbula.

Danilo Astori hatte sich den ganzen Tag über nicht blicken lassen. Im Fernsehen wurde ein Reporter gezeigt, der vor Astoris Haus in Malvin stand. Alles war dunkel und verschlossen. Offiziell ist er noch in Rekonvaleszenz (s. Artikel über die Präsidentschaftskandidaten.)

Mujica hielt eine rhetorisch und taktisch ausgezeichnete Rede, in der er die Einheit des Frente Amplio beschwor und auch mehrfach die Verdienste Astoris hervorhob und diesen zur Zusammenarbeit einlud.

Dahinter steht auch mathematisches Kalkül: Wenn sich Astori nicht zu einer Vizekandidatur mit Mujica entschließt, werden Mujica und der Frente einen guten Teil von Astoris Anhängerschaft verlieren an Larrañaga oder Bordaberry (s.u.), und die Aussichten die Wahlen im Oktober zu gewinnen würden deutlich sinken. Daß sie Astori noch brauchen werden, hätten sich manche Betonköpfe vielleicht vorher überlegen sollen.

Die danach vorgesehene Party vor dem Rathaus an der Straßenkreuzung Avenida 18 de Julio und Ejido, wo der Frente Amplio traditionell seine Wahlerfolge gefeiert hat, fand nur in einem (für die Verhältnisse des Frente) Miniumfang statt. Um Mitternacht war schon kein Mensch mehr da, nur Autos mit Blanco-Emblemen und -Fahnen waren zu sehen.

José Mujica bei seiner Ansprache.   Anhänger des Frente Amplio vor dem Parteisitz auf der Avenida 18 de Julio.

Foto links: José Mujica bei seiner Ansprache. Hinter ihm der amtierende Vizepräsident, Rodolfo Nin (links), und Marcos Carámbula. Tabaré Vázquez und Danilo Astori waren nicht erschienen.

Foto rechts: Frente-Amplio-Fans vor dem Sitz des Parteibündnisses auf der Avenida 18 de Julio.

Nicht wenige schreiben das relativ schlechte Abschneiden des Frente Amplio der geringen Wahlbeteiligung zu. Viele Frente-Anhänger seien aus Siegesgewißheit zuhause geblieben, und weil Mujica eh schon als Gewinner feststand.

Das dürfte aber zu kurz greifen. Nicht erfüllte Erwartungen der letzten fünf Jahre und der innerparteiliche Umgang mit Astori dürften wohl auch einige von den Urnen ferngehalten haben.

Exkurs: Zwei Welten

Die "Feier" des Frente Amplio hatte so einen ganz anderen Charakter als die des Partido Nacional. Es waren zwei grundsätzlich verschiedene Welten.

Bei den Blancos war das Event offiziell ein Treffen des Parteidirektoriums, in einem getäfelten Raum, alles vom Feinsten. Kaum einer der Anwesenden war unter 60, die Herren alle in Maßanzug und Krawatte, die (wenigen) Damen gestylt und in Boutique- oder Designerwear. Man spürte genau: Hier muß man seit Generationen (oder zumindest seit vielen Jahren) 'dazu' gehören, um in diesen 'Club' hinein zu kommen. Eine geschlossene Gesellschaft. Die gehobenen Mittelklassewagen und Pick-ups parkten irgendwo in der Nähe, während Dienstmädchen zuhause das Essen vorbereiteten und die Enkel hüteten.

Die Frenteamplistas hingegen tummelten sich im Freien, mitten auf der Avenida. Nur wenige waren über 40. Jede/r konnte sich dazu gesellen und war willkommen. Die meisten waren zu Fuß, mit Bus oder Taxi unterwegs. Die Stimmung war locker, und mit Glück reichte das Geld, um sich an der Frittenbude eine Portion Pommes mit Cola leisten zu können, wenn man etwas hungrig wurde.

Die Ein-Mann-Show Pedro Bordaberry

Bei den Colorados gab es keine Fete - und wenn, dann war sie nur sehr kurz und fiel in der Medienberichterstattung unter den Tisch.

Stattdessen besuchte Pedro Bordaberry alleine die Radio- und Fernsehstudios und ließ sich dort interviewen.

Die beiden traditionell stärksten innerparteilichen Strömungen der Colodados, das "Foro Batllista" der grauen Eminenz, Julio María Sanguinetti, und die "Lista 15" von Jorge Batlle, beide Ex-Präsidenten der Republik, hatten keinen Stich gemacht gegen Bordaberry mit seiner erst vor wenigen Jahren gegründeten Strömung "Vamos Uruguay" - ein Indiz für eine tatsächliche Erneuerung des Partido Colorado?

Der Kandidat des "Foro Batllista", der 'altgediente' Luis Hierro, landete unerwartet sogar noch hinter José Amorín. Die Anzahl der Stimmen, die er erzielen konnte, würden bei den nationalen Wahlen nicht einmal zur Erlangung eines Abgeordnetensitzes reichen. Damit ist die Sanguinetti-Gruppierung so weit abgeschlagen wie noch nie.

Polit-Neuling Amorín, Kandidat der "Lista 15", konnte zwar auch nicht viel mehr erreichen, aber er dürfte mit seinem Debüt wenigstens einen persönlichen Ausgangspunkt für die Zukunft markiert haben.

In seinem Gespräch im Studio von Canal 12 erzählte Bordaberry, daß er sowohl von Tabaré Vázquez als auch von José Mujica angerufen und zu seinem Wahlkampf und persönlichen Erfolg beglückwünscht worden sei.

Wen überrascht es? Wir hatten es vorher bei Astori und Mujica schon von Arithmetik und mathematischem Kalkül. Bordaberry wird nach der ersten Wahlrunde vom 25. Oktober der von allen begehrsteste Politiker Uruguays sein. Von seiner Entscheidung, mit wem er eine Koalition eingeht, wird es sehr wahrscheinlich abhängen, wer der nächste Presidente aller Uruguayos sein wird: Mujica oder Lacalle.

Von den Journalisten gefragt, ob er sich denn eine Koalition mit dem Frente Amplio vorstellen könne, meinte Bordaberry lapidar, er sei für jedes vernünftige Angebot offen.

Wer hätte sich das bis vor kurzem vorstellen können?! Der Frente und die Colorados als mögliche Koalitionspartner?! ...

Exkurs: Noch vor zwei Jahren...

Noch vor zwei Jahren wäre die jetzige Formation Lacalle, Mujica, Bordaberry im Endkampf um die uruguayische Präsidentschaft vollkommen unvorstellbar gewesen.

Vor zwei Jahren war Luis Alberto Lacalle immer noch damit beschäftigt die Einzelteile zusammen zu setzen, in die ihn sein Kontrahent und jetzt neu gewonnener Tandem-Gefährte, Jorge Larrañaga, fünf Jahre zuvor zerlegt hatte.

Noch vor zwei Jahren wurde José Mujica von niemandem für "präsidentiabel" gehalten, außer vielleicht von seiner eigenen Parteiströmung MPP. Sogar er selbst zog seine Eignung zum Präsidenten in Zweifel, indem er sagte, er habe doch gar nicht den "Look" eines Staatschefs. (Wenn er auch hinzu fügte: "Es ist nicht der Look, der den Mönch ausmacht.")

Noch vor zwei Jahren war Pedro Bordaberry gerade erst mal dabei seine eigene Parteigruppierung "Vamos Uruguay" aufzubauen, nachdem keine der traditionellen Gruppierungen der Colorados ihm grünes Licht für eine mögliche Präsidentschaftskandidatur geben wollte.

So kann es gehen. Tempora mutantur.

 


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