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Auswandern nach Uruguay

Auswandern nach Uruguay

Berlin: Dienstag 17.07.18 21:37 | Montevideo: Dienstag 17.07.18 16:37

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Skandal um Pepe Mujica: Seine Schwadronierlaune brachte ihn in die Bredouille

Geschrieben von Manfred Burger   
Erstellt: Samstag, 19. September 2009

Sie erscheinen so inoffensiv und unschuldig, die Uruguayer, mit ihrer Thermoskanne unter'm Arm und dem Matebecher in der Hand. Aber manche von ihnen haben's faustdick hinter den Ohren, wie z.B. der Journalist Alfredo García, der jetzt mit seinem Buch "Pepe Coloquios" den Präsidentschaftskandidaten des Frente Amplio, José "Pepe" Mujica, in Bedrängnis brachte.

14 Montage hatten sich Mujica und der Journalist jeweils für zwei Stunden getroffen. Don Pepe erzählte und erzählte, und der clevere Alfredo ermunterte ihn noch mehr zu erzählen und sich alles von der Seele zu reden, sich die Schwadronierlaune Mujicas zunutze machend.

Und er schnitt alles eifrig mit. Aus den 28 Stunden Gespräch bastelte er danach eine Bombe in Form eines Buchs mit dem Titel "Pepe Coloquios", das er vergangenes Wochenende auf der Buchmesse von Montevideo vorstellte.

"Es sollte ein Buch werden über mich, Pepe Mujica, und nicht eine Veröffentlichung unserer Konversationen", so der Kandidat in seinem offiziellen Blog. "Es scheint unglaublich, daß mich bei meiner Lebenserfahrung und in meinem Alter ein Journalist mit dem Frätzchen eines Kumpels so kalt erwischt hat, mich 28 Stunden reden ließ, 14 zweistündige Treffen lang, über Gott und die Welt. Schon beim zweiten Treffen ist man quasi befreundet und redet mit diesem Menschen, als wäre es der eigene Bruder. Du sagst alles, was Dir durch den Kopf geht, frisch von der Leber weg, und das Gesagte soll ja auch zwischen ihm und Dir verbleiben."

Das dachte Don Pepe, jedoch nicht der clevere Alfredo.

"Worüber redet man 28 Stunden lang, wenn nicht auch über die Defekte seiner Mitmenschen?", fragt sich Don Pepe in seinem Blog. "Wir alle ziehen doch privat gern über die Welt her", meint er (und hat wohl leider Recht damit). 

Er würde jetzt zwei Intensivkurse absolvieren, läßt Don Pepe die Leser seines Blogs wissen. Der erste sei zu lernen mehr die Klappe zu halten, und der zweite weniger naiv zu sein.

Am Ende seines Postings vom 18. September teilt er seinen Lesern mit: "Was geschehen ist, ist geschehen. Ich wurde auf's Glatteis geführt und bin eingebrochen. Meine Gegner klatschen sich lachend auf die Schenkel. Mögen sie die Party genießen! Aber sie sollten auch wissen, daß mir sowas zum letzten Mal passiert ist." 

Was hat der "Pepe" denn nun 'Schlimmes' gesagt?

Er sagte zum Beispiel die Kirchners seien eine "Banden-Linke" ("izquierda de patota"), die Institutionen in Argentinien seien "keinen Pfifferling wert" ("la institucionalidad no vale un carajo"), und Ex-Präsident Menem sei ein "Mafioso und Dieb" ("mafioso y ladrón") gewesen (Meldung v. Canal 12 v. 18. 9. 2009).

Aber jetzt mal im Ernst: Damit hat der Pepe den meisten Argentiniern und auch vielen Uruguayern aus dem Herzen gesprochen. Das IST schlicht und einfach so, auch wenn man es als Präsidentschaftskandidat vielleicht nicht öffentlich sagen sollte. (Warum eigentlich nicht?)

Die Kirchners HABEN ihr Privatvermögen, seit sie an der Regierung sind, vervielfacht, und Menem HAT die argentinische Staatskasse schlicht und einfach geplündert.

Auch Jorge Batlle, uruguayischer Ex-Präsident der Colorado-Partei von 2000 bis 2005, hatte die argentinischen Politiker als "Diebe und korrupt" bezeichnet, als er glaubte die TV-Mikrofone seien schon abgeschaltet. Auch das war damals ein "Skandal". Doch es war wahr.

Batlle hatte die Wahlen von 1999 mit dem Slogan "Le canta la justa" ("Er nennt die Dinge beim Namen") gewonnen. Er war bzw. ist sozusagen der Pepe Mujica der Colorados.

Auch der ein oder andere Parteigenosse des Frente ist wohl von Pepe bedacht worden. (Mujica hat sich bei allen generisch entschuldigt, die sich durch seine Äußerungen auf den Schlips getreten fühlen konnten.)

(Ich werde mir das Buch des Cleverle Alfredo bestimmt nicht kaufen und mich nur auf das beziehen, was ich hier in den Medien lese bzw. höre.)

Aber jetzt nochmal im Ernst: Sie glauben doch nicht, daß alle im Frente Amplio Heilige sind? Und Mujica kann sicher einige wahrhafte Schoten über so manchen Mitstreiter berichten... Aber sowas tut man halt nicht als Präsidentschaftskandidat. (Warum eigentlich nicht?)

Pepe kritisierte auch die Verhältnisse in Kuba ("das wird wie ein Kartenhaus zusammen fallen"), Postenschacherei in uruguayischen Regierungskreisen (die sozialistische Partei, die Teil des Frente Amplio ist, sei "eine Maschine zur Generierung von Pöstchen") und die Gerwerkschaft der Bankangestellten wegen ihrer dauernden Streiks ("34 Streiks im Banco República und einer im Banco Santander! Jetzt hör aber auf!" S. El País v. 18. 9. 2009), und ich frage mich immer mehr, worin denn eigentlich der "Skandal" bestehen soll?

Debakel oder Bumerang?

In einem deutschsprachigen Blog über Uruguay habe ich gelesen, die Chancen von Mujica die Präsidentschaftswahlen vom Oktober bzw. November (zweite Runde) zu gewinnen seien durch seine Äußerungen bzw. durch das, was in dem genannten Buch publiziert wurde, "auf ein Minimum gesunken".

Das zeigt nur eins: Das Wunschdenken des Autors. Von dem, was die Uruguayer denken, hat er offenbar keine Ahnung. Die Uruguayer lieben klare Worte, auch wenn sie vielleicht inopportun sind.

Präsident Vázquez hatte zwar aus Washington, wo er sich zum Staatsbesuch aufhielt, verlauten lassen, so Manches, was der Pepe von sich gebe, seien einfach "Dummheiten", die er nicht teile (s. La Nación v. 19. 9. 2009), doch bei Veranstaltungen, die Mujica und sein Tandempartner Astori in den letzten Tagen durchführten, erhielt Mujica vom Publikum Ovationen, und Astori appellierte an alle sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und sich nicht von Nebensächlichkeiten ablenken zu lassen (s. Montevideo COMM v. 18. 9. 2009).

Kommentar von ATA, am 20. September 2009:

Das zeigt nur eins: Das Wunschdenken des Autors. Von dem, was die Uruguayer denken, hat er offenbar keine Ahnung. Die Uruguayer lieben klare Worte, auch wenn sie vielleicht inopportun sind.

Vielleicht war der clevere Autor auch nur am falschen Platz.(sprich: in Uruguay) Hier in Deutschland, kurz vor der Wahl hätte der "Cleverle" vielleicht eine drohende und gelangweilte unerwünschte und volksverachtende "große Koalition" der SPD und CDU/CSU verhindern können.
Denn wer weiß schon, was Merkel(CDU) und Steinmeier(SPD) wirklich denken.

Kommentar vom Autor, am 22. September 2009:

Wie es aussieht, war das Buch "Pepe Coloquios" wider Erwarten das Beste, was José "Pepe" Mujica passieren konnte. Der alte Haudegen und Präsidentschaftskandidat des Frente Amplio zieht jetzt erst Recht vom Leder, mehr denn je, mit glasklarem Klartext über seine Kontrahenten, v.a. Alberto Lacalle und dessen Blancos.

Das Publikum bringt ihm Standing Ovations. Der allseits angesehene Präsident, Tabaré Vázquez (Frente Amplio), hat inzwischen eingelenkt und verteidigt indirekt Don Pepe. Und Pedro Bordaberry, Kandidat des Partido Colorado und möglicher Koalitionspartner des Frente Amplio nach den Wahlen, verurteilt das 'Waschen von Schmutzwäsche'.

Pech gehabt, Cleverle Alfredo und wer immer das ausgeheckt hatte. Dieser Schuß ging definitv nach hinten los.

(Das ist eine Information und keine Sympathieerklärung.)

Kommentar von Ralph, am 22. Oktober 2009:

Ich wünschte, wir hätten in Deutschland auch Politiker, welche Klartext reden.
Ich wünschte, wir hätten in Deutschland auch Wähler,
welche eben diese wählen.

Das Problem liegt in erster Linie nicht bei den Politikern,
die nur reden, was der Wähler hören will -
sondern bei den Wählern, die simpel nur die angenehmsten Versprechungen wählen - statt Politiker, die Klartext reden.


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