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Auswandern nach Uruguay

Auswandern nach Uruguay

Berlin: Donnerstag 24.05.18 04:29 | Montevideo: Mittwoch 23.05.18 23:29

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Im uruguayischen Wahlkampf geht es immer mehr rund - und bei den Wählern wächst die Ratlosigkeit

Geschrieben von Manfred Burger   
Erstellt: Mittwoch, 30. September 2009

Seit das Buch "Pepe Coloquios" des Journalisten Alfredo García am 13. September auf der Buchmesse von Montevideo vorgestellt wurde, geht es im uruguayischen Wahlkampf richtig an's Eingemachte.

Welten prallen aufeinander, völlig unterschiedliche Kulturen, repräsentiert von José "Pepe" Mujica, einerseits, und Alberto Lacalle, andererseits.

Die Opposition qualifiziert "Pepe", wie schon seit eh und je, als ehemaligen Guerrillero ab, der die demokratischen Institutionen nicht respektiere usw. (s. Die uruguayischen Präsidentschaftskandidaten 2009), und neuerdings schmiert sie ihm auch noch seine Äußerungen aus "Pepe Coloquios" auf's Butterbrot (s. Skandal um Pepe Mujica: Seine Schwadronierlaune brachte ihn in die Bredouille).

"Pepe" seinerseits tituliert seine politischen Gegner u.a. als "Aristokraten" und "geschlossene Gesellschaft" (s. dazu auch hier), die einfach nicht wollen, daß ein einfacher Mann aus dem Volk wie er Präsident wird, der auch noch redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. (Seit der genannten Buchveröffentlichung zieht Mujica, nachdem er eine Denkpause von wenigen Tagen eingelegt hatte, noch mehr vom Leder als vorher).

Damit hat der "Pepe" wieder Mal ganz und gar nicht Unrecht, denn die politische und wirtschaftliche Elite Uruguays war und ist bisher eine geschlossene Gesellschaft. Die Tonangeber im Partido Nacional ("Blancos"), zum Beispiel, sind alles Leute, deren Familien sich seit Generationen kennen.

Und kommt einmal einer daher mit Charisma und Willen zur Macht, der von der alten Garde als Gefahr angesehen wird, kann es schon sein, daß dieses aufstrebende Talent aus heiterem Himmel 'Selbstmord' begeht, wie im Falle von Villanueva Saravia 1998. (Darüber gibt es noch keinen Artikel hier, sollte es aber vielleicht.) Viele hier machen für das plötzliche Ableben des "Villa" keinen Anderen als -ja, wen wohl?- Luis Alberto Lacalle verantwortlich, denn es gibt starke Indizien... Barschel, Möllemann und andere lassen grüßen.

"Wirkliche Lügen"

Seit kurzem machen die Blancos mit einer Webseite Wahlkampf, deren Name vielversprechend klingt: MentirasVerdaderas.com, auf deutsch: WirklicheLügen.com. In TV-Spots wird diese Seite intensiv beworben.

Da darf man jetzt mal echt gespannt sein! (Ich werde mir diese Webseite jetzt sozusagen 'live' zusammen mit Ihnen ansehen.)

(Nach einer Weile:) Ich muß ehrlich sagen, ich habe mir jetzt alles durchgelesen, was auf dieser Homepage über José Mujica und seine Zitate aus "Pepe Coloquios" und auch aus einem Interview steht, das er der argentinischen Tagszeitung "La Nación" gegeben hatte (in derselben veröffentlicht am 13. 8. 2009), und ich konnte nicht ein einziges finden, mit dem ich nicht überstinstimmen bzw. das ich nicht 'durchgehen' lassen könnte - und das, obwohl die Blancos für die Veröffentlichung auf dieser Wahlkampf-Seite mit Sicherheit die 'schlimmsten' bzw. kompromittierendsten Sprüche Mujicas ausgewählt haben, denn das Ziel ist ja "Pepe" zu demontieren.

Mujica nennt die Dinge einfach beim Namen, sowohl bei seinen politischen Gegnern, als auch bei seinen 'Parteifreunden'. Er sagt klar und deutlich, was 'man' 'normalerweise' nicht sagt, und schon gar nicht als Politiker.

Ist das nun eine schlechte Charaktereigenschaft? Disqualifiziert ihn das als Präsident?

Über Parteifreunde sagte Mujica zum Beispiel:

  • Im Frente Amplio gebe es so manchen, "dem das Geld gefällt" ("le gusta el dinero")...
  • Die Sozialistische Partei (nach Mujicas MPP die zweitgrößte Partei des Frente) sei "eine Maschine zur Generierung von Pöstchen" ("una máquina para generar puestos")...
  • So mancher, der ihn früher nicht gemocht habe, würde jetzt, wo er aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat ist, um ihn herum schleimen...
  • Die Regierung Vázquez habe die "wichtigste Reform", nämlich den Abbau des Staatsapparats, nicht in Angriff genommen. Usw....

Ist es wirklich sooo schlimm Tatsachen auszusprechen?

"Pepe" ungebrochen

Was die Opposition wohl am meisten wurmt, ist, daß der "Pepe" zu seiner Vergangenheit als Stadtguerrillero steht, also zum bewaffneten Kampf gegen das bestehende Gesellschaftssystem, den in den 60er und 70er Jahren viele für legitim und gerechtfertigt hielten, insbesondere auch in Lateinamerika. (Von Vietnam / Indochina wollen wir jetzt mal nicht reden, auch nicht von Westeuropa.)

"Pepe" hat 13 Jahre schwerste Einzelhaft in Erdlöchern durchgehalten ohne gebrochen werden zu können und ohne zu 'singen'. Und auch danach hat er sich nicht das Büßergewand angezogen und die Oberen der Gesellschaft um Verzeihung gebeten. Und er hat sich auch nicht zurückgezogen, froh, daß er üerhaupt noch lebte, sondern hat mit seinen Parteigenossen konsequent Politik gemacht, die gleichen Ziele verfolgend wie früher, nur mit anderen Mitteln.

Die Resultate sind bekannt:

  • "Pepes" Partei MPP ist die größte und wichtigste innerhalb des Frente Amplio.
  • Der Frente Amplio ist in Uruguay seit 2005 an der Regierung und in Montevideo schon seit 1990.
  • "Pepe" selbst ist der mit Abstand beliebteste Politiker Uruguays
  • und hat jetzt die Chance auf seine alten Tage noch Präsident dieses Landes zu werden.

Schlimmer noch: "Pepe" hat nicht nur kein Büßergewand angelegt, sondern seine Vergangenheit sogar offensiv verteidigt. Vor einiger Zeit schon hatte er auf die Frage eines Journalisten, ob er denn nichts bedauere, im Fernsehen geantwortet: Er bedauere nur, daß er so ein schlechter Schütze gewesen sei mit wenig Zielwasser ("mala puntería").

Stärker kann man die herrschende Klasse wohl kaum provozieren.

Kritik der Blancos an der Vázquez-Regierung

Schwerwiegender als die erfolglosen Versuche der Blancos, Mujica durch seine eigenen Äußerungen als 'Monster' erscheinen zu lassen, sind Hinweise auf nicht erfüllte Wahlversprechen und/oder geschönte (?) Zahlen in der Frente-Erfolgsbilanz.

Hier einige Kernaussagen der Blancos:

  • Die Vázquez-Regierung behauptet in der Broschüre "Uruguay Cambia" sie hätte während ihrer Amtszeit 45.000 Wohnungen geschaffen und übergeben. In Wirklichkeit sei es aber nur die Hälfte gewesen, und, schlimmer noch, der Großteil davon, nämlich 20.246, seien gar keine Wohnungen gewesen, sondern 12.098 Kleinkredite von durchschnittlich nur 8.000 Pesos, 5.747 kleinere Sanierungsarbeiten und 2.411 Mietgarantien (s. MentirasVerdaderas.com).
  • Lt. offizieller Regierungsbilanz sei die Außenverschuldung Uruguays seit 2005 gesunken. Falsch, sagt die Opposition, die Außenverschuldung sei während der Amtszeit der Frente-Amplio-Regierung um vier Milliarden USD angewachsen. Während zuvor die Pro-Kopf-Verschuldung bei 4.000 USD gelegen hätte, liege sie nun bei 5.200 USD (s. MentirasVerdaderas.com).

Insgesamt findet man auf der Webseite bisher fünf angeblich "wirkliche Lügen" (s. MentirasVerdaderas.com). Neben den beiden oben genannten noch

  • eine Kritik am Schulwesen (zuviele Abbrecher, zuviele Sitzenbleiber etc.);
  • eine Bewschwerde darüber, daß statistische Erfassungsmethoden geändert wurden, um die Ergebnisse der Regierungspolitik in einem besseren Licht erscheinen zu lassen (eine weltweit praktizierte Methode, warum sollte Uruguay eine Ausnahme bilden?).
  • Und dann ist da noch der Fall eines jungen uruguayischen Wissenschaftlers, der in einem Handbuch für Frente-Mitglieder mit Namen und Foto als Beispiel für einen aus dem Ausland zurückgekehrten Uruguayer angeführt wird, der zurück kam, weil er mit der Politik des Frente zufrieden sei. Haken an der Geschichte: Der junge Mann hatte offenbar schlicht und einfch ein Dreijahresstipendium für Deutschland (ausgerechnet!) gehabt, nach dessen Ablauf er wieder nach Hause flog. (Ist das jetzt ein "Skandal"? Und wenn ja, wie groß ist dieser wirklich?)

Außerdem gibt es auf der Blanco-Webseite noch die Sektion "Nicht erfüllte Wahlversprechen" (s. MentirasVerdaderas.com). Diese Sektion enthält bisher nur vier Links, wobei es

  • wieder einmal um die Guerrilla-Vergangenheit von José Mujica geht,
  • um das angeblich "nichtssagende" Regierungsprogramm des Frente Amplio,
  • um das Thema "öffentliche Sicherheit" (wo es ohne Zweifel noch viel zu tun gibt)
  • und um die stecken gebliebene Reform des Gefängniswesens (als ob just DAS die Blancos wirklich interessieren würde...).

"Und das soll alles gewesen sein?", fragt man sich nach der Lektüre erstaunt. Wenn die Blancos nicht mehr haben, was sie dem Frente Amplio glauben ankreiden zu können, dann muß das eine super Regierung gewesen sein!

Wie war denn nun die Regierungspolitik?

Die Politik der Frente-Amplio-Regierung war sicher nicht so gut, wie diese selbst sagt, und nicht so schlecht, wie die Opposition behauptet. Aber das ist normal.

In vielen Bereichen wurde das Land wirklich modernisiert und Verbesserungen eingeführt. Beispiele: Besteuerungssystem, Sozialpolitik, Verkehrswesen, Bildungswesen, Gesundheitswesen und Familiengesetzgebung.

In anderen Bereichen ist nicht viel passiert, oder es wurde gar schlimmer, wie z.B. im Bereich öffentliche Sicherheit, was nicht unbedingt der Regierung angelastet werden kann, oder beim staatlichen Verwaltungsapparat, der weiter anschwoll.

Und bezüglich der wirtschaftlichen Entwicklung, dem A und O von allem, da leugnet nicht einmal die Opposition, daß es in den letzten fünf Jahren ein gutes Wirtschaftswachstum gab, zumindest statistisch. Aber...

Der Ex-Wirtschaftsminister und jetzige Kandidat für die Vizepräsidentschaft des Frente Amplio, Danilo Astori, verkündet das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Uruguays sei während der Amtsperiode des Frente Amplio um sage und schreibe 40% gestiegen.

Da fragt man sich, wo all dieser Wohlstand abgeblieben sein soll?! Bei solch einem phänomenalen Wirtschaftswachstum müßte Uruguay ja bald in die G 7 oder zumindet die G 20 aufgenommen werden, gleich hinter Brasilien!?

Ich weiß nicht, wo dieses offizielle Wirtschaftswachstum hergekommen sein soll. Die Zellulosefabrik Botnia hat sicher etwas damit zu tun. Doch wenn man sich im Lande umschaut und -hört, sind die Leute unzufrieden, was nicht heißt, daß der Frente Amplio alleine dafür verantwortlich wäre.

Sicher ist, daß kein Unternehmer, kein Ladenbesitzer, kein Geschäftsinhaber, den ich kenne, bei den kommenden Wahlen Mujica wählen wird. Sagt uns das etwas?

Als ich gestern im Supermarkt an der Kasse einen Kommentar darüber fallen ließ, daß bestimmte Produkte schon wieder teurer geworden seien, meinte der Besitzer, der selbst an der Kasse des kleinen Ladens saß, lapidar: "Festejen, Uruguayos, festejen!" ("Feiert, Uruguayer, feiert!")

Diese inzwischen historischen Worte hatte Tabaré Vázquez nach seinem Wahlsieg 2004 in die Mikrofone gesprochen. Seither sind sie hier zu einem geflügelten Wort all derer geworden, die mit der Politik Frente Amplio nicht zufrieden sind.

Wen soll man denn nun wählen?

Ein heute in der argentinischen Tageszeitung "La Nación" erschienener Bericht trifft den Nagel auf den Kopf. Die neueste Umfrage des uruguayischen Meinungsforschungsinstituts "Equipos Mori" hatte enthüllt, daß innerhalb eines Monats der Anteil der unentschlossenen Wähler von 7% auf 12% gestiegen war. Normalerweise passiert das Gegenteil: der Anteil der Untentschlossenen sinkt, je näher die Wahl rückt.

César Aguiar von Equipos Mori kommentierte diese Entwicklung absolut treffend mit den Worten: "Diese Unentschlossenen sind ziemlich reflektiert ("sofisticados") und hegen starke Zweifel an der Wahlofferte, nicht deshalb, weil sie sie nicht kennen würden, sondern umgekehrt, weil sie sie kennen" (s. "La Nación" v. 30. 9. 2009).

Am schwersten waren die Blancos (Lacalle) in den letzten vier Wochen abgerutscht, und zwar von 34% auf 30%. Der Frente Amplio (Mujica) verlor einen Prozentpunkt und landete bei 44%, allen Auguren mit Blick auf das Buch "Pepe Coloquios" zum Trotz. Die Colorados (Bordaberry) konnten leicht zulegen und stiegen auf 10%. Alle anderen Parteien kommen zusammen auf 4% (s. "La Nación" v. 30. 9. 2009).

José "Pepe" Mujica kennt man hier (s. Mujicas Biographie). Er ist ehrlich, nicht korrupt, sagt, was er denkt und tut, was er sagt. Er ist transparent und ein halbes Jahrhundert lang seinen Überzeugungen treu geblieben. Aber ist das genug Qualifikation für das Präsidentenamt?

Unternehmer und Investoren mögen Mujica nicht, und das ist doch eine etwas bedrueckende Perspektive.

Dr. Luis Alberto Lacalle de Herrera kennt man hier auch (hier Lacalles Biographie), und zwar mehr als diesem selbst wahrscheinlich lieb ist. Er kommt aus einer der berühmten 'Familien' und war schon mal uruguayischer Präsident (von 1995 bis 2000, s. hier). Auch er ist ein halbes Jahrhundert sozusagen seinen Überzeugungen treu geblieben: Macht- und Raffgier, in diesem Fall.

Seine Regierung war so korrupt, daß Luis Alberto Lacalle hinterher von Leuten seiner eigenen Partei demontiert und seiner Ämter enthoben wurde (s. Lacalles Biographie). Lacalle-Herausforderer Jorge Larrañaga wurde vor den Wahlen 2004 als "Erneuerer" zum neuen 'starken Mann' der Blancos (s. Larrañagas Biographie).

Daß Lacalle jetzt wieder obenauf und sein ehemaliger Bezwinger und "Parteierneuerer" Larrañaga ihm zuarbeiten muß, liegt daran, daß Lacalle ein Stehaufmännchen ist, das nach wie vor seine Seilschaften innerhalb des Partido Nacional (Blancos) hatte und hat, und daß nach dem Sprichwort gilt: "Unkraut vergeht nicht."

Vor kurzem hat Lacalle sogar selbst eingestanden, daß seine Regierung damals "menschlichen Versuchungen erlegen" sei (s. hier).

Fazit?

Wen soll man sich jetzt hier als Präsidenten wünschen? Ich passe! Vielleicht Pedro Bordaberry? Doch der hat -zumindest dieses Mal- noch keine Chance.

Eins ist trotzdem sicher: Egal, wer die nächsten Wahlen gewinnen wird, Uruguay wird es überleben, und wahrscheinlich sogar besser als erwartet.

Kommentar von ATA, am 5. Oktober 2009:

Hola Manni,
prima Beschreibung des derzeitigen Wahlkampfes in Uruguay. Mit dem deutschen Wattebauschwerfen zwischen den beiden Spitzenkontrahenten Merkel und Steinmeier überhaupt nicht vergleichbar. Sollte Pepe Präsident werden, wird er eine starke Opposition haben, der in der Vergangenheit jedes Mittel Recht war, den Machterhalt zu sichern. Was dann letztlich an "neuer Politik" herauskommt,bleibt abzuwarten. Spannend wird es allemale.

 


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