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Auswandern nach Uruguay

Auswandern nach Uruguay

Berlin: Dienstag 13.11.18 06:37 | Montevideo: Dienstag 13.11.18 02:37

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Wahltag in Uruguay

Geschrieben von Manfred Burger   
Erstellt: Sonntag, 25. Oktober 2009

Seit die Wahllokale heute morgen um 8.00 Uhr ihre Pforten geöffnet haben, herrscht in ihnen reger Betrieb. Die TV-Kanäle bringen Wahlsondersendungen den ganzen Tag über, bis die (vorläufigen) Wahlergebnisse feststehen werden, denn heute gibt es in Uruguay nur ein einziges Thema: die allgemeinen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2009.

Es ist ein sonniger Frühlingstag. Überall herrscht gute Stimmung.

Die Menschen in Uruguay nehmen ihr Wahlrecht noch Ernst, und ganz besonders bei diesen Wahlen, wo es um zwei so unterschiedliche Persönlichkeiten und Politikstile geht wie José "Pepe" Mujica und Luis Alberto Lacalle. Schon um die Mittagszeit waren rund 30% der Wähler/innen ihrer Bürgerpflicht nachgekommen. (Um 17.00 Uhr waren es rund 80%.)

Die Wahllokale schließen um 19.30 Uhr bzw. später, wenn Wahlberechtigte anwesend sind, die noch nicht ihre Stimme abgeben konnten. Für 20.30 / 21.00 Uhr werden die ersten Hochrechnungen erwartet.

Mit einem riesigen Aufwand wird über dieses Ereignis in den Medien berichtet, vor allem in den Fernsehkanälen, die in jedem Wahkllokal, wo ein führender Politiker seine Stimme abgibt, Kameras und Reporter postiert haben, sowie auch in etlichen anderen Wahllokalen im ganzen Land.

José Muijica und Tabaré Vázquez haben jeweils schon kurz nach 8.00 Uhr ihre Stimmen abgegeben in den Stadtvierteln bzw. Wahllokalen, wo sie als Wähler registriert sind: Mujica im Cerro und Vázquez in La Teja. Auf die Frage eines Journalisten, ob er 2014 als Präsidentschaftskandidat antreten werde, antwortete der scheidende Präsident Vázquez: "Wenn meine körperliche Konstitution es mir erlaubt..." ("Si la biología me lo permite...")

Und beide, Mujica und Vázquez, antworteten auf die Frage von Reportern, wie sie diesen Tag verbringen würden, als gute Uruguayer: "Zuhause, bei einem guten Asado."

Danilo Astori wählte um die Mittagszeit, nachdem er wie jeder normale Sterbliche gut eine Stunde in der Warteschlange gestanden hatte. Auch die graue Eminenz der Colorado-Partei, Ex-Präsident Julio María Sangjuinetti, war bei der Stimmabgabe um die Mittagszeit zu sehen, ebenso wie der Colorado-Kandidat für die Vizepräsidentschaft, Hugo de León.

Alberto Lacalle fuhr am frühen Vormittag mit einigen Vertrauten verschiedene Wahllokale ab, wie er es anscheinend traditionell zu tun pflegt, und wird um 17 Uhr zur Stimmabgabe gehen, wie er es für gewöhnlich macht, so der TV-Berichterstatter.

Aber wie unterschiedlich sind die Bilder: Überall, wo bekannte Frente-Amplio-Politiker erscheinen, herrscht Volksfeststimmung mit Händeschütteln, Küßchen und Umarmungen, während die Szenerie bei Vertretern anderer Parteien viel 'ernsthafter' ist. Tabaré Vázquez wurde sogar von allen Mitgliedern des Wahlkomitees seines Wahllokals abgeknutscht, auch von den Männern...

Allgemeines zu den uruguayischen Wahlen 2009

Für die allgemeinen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen 2009 in Uruguay gibt es gut zweieinhalb Millionen Wahlberechtigte:

Graphik: Wahlberechtigte in Uruguay 2009 nach Departamentos.

Graphik: Anzahl der Wahlberechtigten in Uruguay 2009 nach Departamentos.

  • Für die allgemeinen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am heutigen 25. Oktober 2009 herrscht für alle Uruguayer/innen, die an diesem Tag 18 Jahre oder älter sind, Wahlpflicht. Wer dieser ohne anerkannte Entschuldigung nicht nachkommt, wird mit einem Bußgeld belegt.

  • Bei diesen Wahlen werden der Staatspräsident und sein Vizepräsident gewählt sowie die 30 Senatoren des Oberhauses, die 99 Abgeordneten des Unterhauses und die jeweils 5 Mitglieder jedes Wahlkomitees.

  • Gleichzeitig mit diesen Wahlen werden zwei Plebiszite durchgeführt. Im ersten Volksentscheid geht es darum für Uruguayer/innen, die sich im Ausland aufhalten, ab 2014 Briefwahlen zu ermöglichen. Im zweiten Referendum geht es um die Annullierung der Artikel 1 bis 4 des Gesetzes Nr. 15.848 (Straffreiheitsgesetz für Militärs und Polizisten vom Dezember 1986).

  • Um die Wahlen zu gewinnen müssen der Präsidentschaftskandidat und sein Vize über 50% aller abgegebenen Stimmen erreichen, einschließlich der ungültigen und leeren Stimmzettel. Sollte dies kein Kandidaten-Duo schaffen, wird am 29. November ein zweiter Wahlgang durchgeführt zwischen den beiden Bestplatzierten.

(Quelle: Wahlgerichtshof der Republik Östlich des Uruguay.)

Wie sich die Zeiten geändert haben...

In Uruguay weht ein anderer Wind als noch vor einigen Jahren. Vor drei Tagen wurde der letzte Regierungschef der uruguayischen Militärdiktatur (1973-1985), Gregorio Alvarez, von einem Strafgericht in Montevideo wegen 37 Morden unter "besonders erschwerenden Umständen" zu 25 Jahren Haft verurteilt. Sein Mitangeklagter, Juan Carlos Larcebeau, erhielt 20 Jahre wegen 29 Morden. Dabei handelt es sich um Fälle von sog. "Verschwundenen" (mehr dazu hier), die die im Rahmen des US-gesteuerten "Plan Condor" verschleppt und ermordet wurden (s. El País v. 22. 10. 2009, BBC News v. 22. 10. 2009).

Einer der damaligen Hauptgegner von Alvarez und den Militärs, José "Pepe" Mujica, der während der Militärdiktatur 13 Jahre als "Systemgeisel" in Einzelhaft verbrachte unter extremsten Bedingungen (s. Kurzbiographie), wird heute möglicherweise zum neuen Präsidenten Uruguays gewählt.

Foto: Ex-Diktator Gregorio Alvarez (Uruguay) in Handschellen.   Foto: José Mujica, der Präsidentschaftskandidat des Regierungsbündnisses Frente Amplio, in Siegerpose auf einer seiner letzten Wahlkundgebungen in Uruguay, Oktober 2009.

Foto links: Was für ein Bild! Der letzte Diktator Uruguays, Gregorio Alvarez, in Handschellen. Vor zwei Jahren war er verhaftet worden. Vor drei Tagen wurde er wegen seiner politischen Verantwortung für (mindestens) 37 Morde zu 25 Jahren Haft verurteilt. Da halfen ihm auch seine Staranwälte nichts. Die Regierung des Frente Amplio unter Tabaré Vázquez machte es möglich.

Foto rechts: José Mujica, einst einer der Hauptgegner der Militärs und eines ihrer prominentesten Opfer, in Siegerpose während einer seiner letzten Wahlkampfveranstaltungen im Oktober 2009. Vielleicht wird er heute oder im zweiten Wahlgang Ende November zum neuen uruguayischen Präsidenten gewählt.

Und nicht nur das: Am Montag dieser Woche hat der Oberste Gerichtshof Uruguays das Straffreiheitsgesetz für Militärs und Polizisten vom Dezember 1986 für Militärs und Polizisten mit 4:1 Stimmen für verfassungswidrig erklärt. Konkret ging es dabei um den Fall einer jungen Literaturdozentin, die 1974 von Militärs bestialisch zu Tode gefoltert worden war (mehr dazu hier).

Was für eine Woche!

Randnotizen zu den uruguayischen Wahlen 2009

Nach Bekanntgabge der ersten Hochrechnungen wird in Montevideo und im Landesinneren mit spontanen Freudenkundgebungen der Anhänger/innen der entsprechenden Parteien gerechnet. Das ist in Uruguay so üblich.

Grund zum Feiern werden vor allem der Frente Amplio und vielleicht auch der Partido Nacional (Blancos) haben. Die Stadtverwaltung von Montevideo hat bestimmte Straßenzüge der Innenstadt für die zu erwartenden Zelebrationen der einzelnen Parteien abgesteckt.

Die Führung des Frente Amplio hat für diesen historischen Abend Räumlichkeiten des Hotels NH Columbia am Rand der Altstadt gemietet, während die Großkopfeten der Blancos sich, wie gehabt, in ihrem Parteisitz an der Plaza Matriz in der Altstadt von Montevideo zusammenfinden werden.

Ein gutes Geschäft für Transportunternehmen

Für Fluggesellschaften, Fähr- und Busunternehmen waren die uruguayischen Wahlen wie immer ein gutes Geschäft, da tausende Uruguayer aus dem weiter entfernten Ausland in die Heimat flogen, um zu wählen, zigtausende mit Fähren und Bussen aus dem benachbarten Argentinien kamen und hunderttausende sich innerhalb Uruguays mobilisierten.

Am Montevideaner Busbahnhof Tres Cruces wurden an diesem Wochenende ca. 200.000 Personen abgefertigt, das sind ca. 50% mehr als an einem normalen Wochenende und 30% mehr als bei den Wahlen 2004. Am Freitag und Samstag verkehrten dort 1.500 Busse täglich (am Donnerstag waren es noch etwas weniger), wobei die meisten in's Landesinnere abfuhren und nur vergleichsweise wenige in der Hauptstadt ankamen (vgl. El País v. 24. 10. 2009).

Foto: Viel Betrieb im Busterminal Tres Cruces, Montevideo.

Foto: Viel Betrieb im Busterminal Tres Cruces, Montevideo, 24. Oktober 2009.

In den Fährhäfen von Montevideo und vor allem Colonia herrschte ein ähnlich erhöhter Betrieb. Allein das Fährunternehmen Buquebus verkaufte 18.000 ermäßigte Fahrscheine für Uruguayer, die von Buenos Aires nach Uruguay reisten (s. El País v. 23. 10. 2009).


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