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Auswandern nach Uruguay

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Die Ureinwohner Uruguays: Charrúas, Minuanes und Guaraníes

Geschrieben von Manfred Burger   
Erstellt: Mittwoch, 12. August 2009

Die Charrúas waren ein friedliebendes Nomadenvolk, das keinen Privatbesitz kannte. Sie waren die Wahlfamilie des uruguayischen Nationalhelden José Gervasio Artigas und hatten einen entscheidenden Anteil am Erfolg der Kämpfe zur Erklangung der nationalen Unabhängigkeit.

Doch statt ihnen das zu danken und eine Form der friedlichen Koexistenz zu suchen, haben die neuen Machthaber der jungen Republik das kleine Indiovolk in einem Genozid gnadenlos ausgelöscht - und damit den Grundstein gelegt für ein zwiespältiges Selbstbild der heutigen Uruguayer.

Neben den Charrúas lebten im heutigen Uruguay auch die Indiovölker derArachanes, Bohán, Chaná, Guaraníes, Guenoa, Mbyá, Minuán, San Borja delYí und Yaro, zahlenmäßig noch kleiner als die Charrúas.

Charrúa-Indio UruguayDie Charrúas (s. Bild), die ursprünglichen Bewohner Uruguays, waren ein kleines indianisches Nomaden- und Jägervolk andinen Ursprungs, das seine Toten in Hügelgräbern bestattete, sich in Felle kleidete und noch keine Metalle kannte. Sie waren mit den Guënoas und den Minuán-Indios verschmolzen.

Die durchschnittliche Körpergröße der Männer betrug 1,65 m. Beim Tod eines nahen Familienangehörigen schnitten sie sich einen Finger ab.

Die gesamte Charrúa-Nation zählte nur wenige hundert Familien (ca. 1.000 Menschen), die sich das weite Land mit den ebenfalls hier umherziehenden Chanás und Guanás teilten. Ihr Kerngebiet lag nördlich des Río Uruguay zwischen den Flüssen Queguay und Arapey, in dem Gebiet, dessen Eckpunkte heute die Städte Paysandú, Tacuarembó und Salto bilden.

Noch heute weisen viele indianische Flüsse- und Ortsnamen in dieser Region auf diese Vergangenheit hin wie etwa Arapey, Daymán, Arerunguá, Quéguay, Chapicuy, Quebracho, Cuaró etc. Nicht zuletzt befinden sich in diesem Gebiet auch der  Indianerfriedhof im "Valle Edén" unweit von Tacuarembó (s.u.) und die Reste der Hütte ("Tapera") von Melchora Cuenca, der indianischen Frau von Nationalheld José Artigas

Foto: Reste der "Tapera" von Melchora Cuenca bei Guichón, Paysandú.

Kurz vor Ankunft der Spanier, im 15. Jahrhundert, wanderten Guaraníes (auch: Guaranis) in das La-Plata-Becken ein, auf den großen Flüssen aus dem tropischen Norden kommend, und hatten vermutlich als Erste hier mit den Europäern Kontakt, da sie bevorzugt an Flüssen siedelten. IhrSiedlungsgebiet reichte zum Zeitpunkt der Ankunft der Spanier von den Anden bis zur brasilianischen Atlantikküste, mit Schwerpunkt im heutigen Paraguay.

Auf uruguayischem Territorium lebten nur wenige Guaraníes. Diese wurden nach Ankunft der Europäer durch deren eingeschleppte Krankheiten dezimiert, bzw. sie zogen sich bald darauf in ihre Kernsiedlungsgebiete westlich des Uruguay-Flusses zurück, während die Charrúas blieben, bis zum bitteren Ende.

Kulturell waren die Guaraníes auf einem höheren Niveau als die Charrúas. Sie betrieben erste Ansätze von Ackerbau und Viehzucht, kannten die Heilkraft vieler Kräuter und stellten Keramiken und Textilien her. Vor allem jedoch waren sie mutige und gefürchtete Krieger, die ihre besiegten Feinde verspeisten.

JuanDíaz de Solís und einige seiner Besatzungsmitglieder sollen von Indioserschlagen und verzehrt worden sein, als der Chefpilot der spanischenKrone am 2. Februar 1516 mit einem Teil seiner Crew am Rio de la Plataan Land ging (beim heutigen Colonia del Sacramento). Wenn das keinSeemannsgarn ist, um eine Meuterei zu vertuschen, geht das wohl auf dasKonto der Guaraníes.

Privateigentum war bei denGuaraníes wie auch bei den Charrúas weitgehend unbekannt. Nur Waffen,Hängematten und Keramikgefäße waren in persönlichem Besitz. Allesandere gehörte allen. Was geerntet, gejagt oder gesammelt wurde, wurdeunter den Mitgliedern der Clans aufgeteilt.

Landschaftsnamen und Kultstätten

Auch wenn die Uruguayer hauptsächlich in den Charrúas ihre indianischen Vorgänger auf uruguayischem Boden sehen, womit sie nicht Unrecht haben, waren es vor allem die Guaraníes, die bis heute hier ihre Spuren hinterlassen haben. Deren Brauch Mate-Tee zu trinken, der sich über die lokalen Indios und Gauchos in der gesamten Kolonie ausbreitete, ist bis heute das wichtigste Element der uruguayischen Alltagskultur.Mate wird zwar auch in Argentinien, Paraguay und im Süden Brasiliens getrunken (ebenfalls Guaraní-Siedlungsgebiete), aber nirgendwo ist der Mate so allgegenwärtig wie in Uruguay.

Auch die verwendeten Mate-Utensilien sowie die Art, wie der Mate konsumiert wird, sind indianischen Ursprungs: der ausgehölte, große Kern der Frucht des Matebaums als Trinkgefäß ("Matera"), das Saugrohr ("Bombilla"), das ritualartige Kreisenlassen der Kalebasse unter allen Anwesenden usw.

Viele Namen von Flüssen, Landschaften und Hügeln sowie der einheimischen Flora und Fauna sind guaranischen Ursprungs, allen voran der Landesname, Uruguay, den das Land von dem gleichnamigen Fluß Uruguay bekommen hat, heute der Grenzflußzu Argentinien. Auf Guaraní heißt "Uruguay" "das Wasser der buntenVögel". Darin liegt viel Poesie. Ein anderes Beispiel ist der Hügel"Arequita", "das Wasser vom hohen Stein" (wohl ein Wort der Charrúas).In dem Hügel befindet sich eine Höhle, in der an einem in deren Mitteaufragenden Fels der Fluß Santa Lucía entspringt.

Flüsse- und Ortsnamenwie "Queguay", "Paraná", "Iguazú"; "Paraguay", "Pilcomayo", "Abayubá","Ibicuy" und viele andere entstammen dem Guaraní oder anderenIndiosprachen.

Gaucho, UruguayAuch die Gauchos, auf die alle Uruguayer so stolz sind, und die so sehr unser Bild von den hiesigen Pampas und Praderas prägen, sind ohne die Indios ebenfalls undenkbar, sind sie doch das erste Produkt des Aufeinanderprallens der europäischen und der Indiokultur.Ursprünglich waren die Gauchos nicht, was sie heute -zumindest dem Klischee nach- sind, nämlich pittoreske und etwas derbe Burschen, die gut reiten können und mit denen man sich besser nicht anlegt, da sie Streitereien direkt und mit im wahrsten Sinne des Wortes schlagenden Argumenten austragen, anstatt mittels endloser Diskussionen und/oder auf dem Gerichtsweg.

Vor ihrer Domestizierung waren die Gauchos nomadisierende Viehdiebe meist zweifelhafter Provenienz (viele entlaufene bzw. ehemalige Sträflinge), die in den Weiten der hiesigen Pampas einem 'wilden' und ungebundenen Leben frönten, sich nehmend, was sie brauchten, nicht zuletzt inspiriert von dem Nomadendasein der Charrúas, mit denen sie teilweise umherzogen.

Das Wort "Gaucho" entstand übrigens aus dem Quechua-Wort "Huasu", was "Waise" bedeutet...

Viele Kultstätten bzw. heilige Orte der Charrúas zeugen heute noch von deren Existenz, wie z.B. die Höhle Arequita unweit von Minas, die "Palastgrotte" ("Gruta del Palacio") in Flores, der Indianerfriedhof im "Tal des Paradieses" ("Valle Edén") bei Tacuarembó sowie die Kultstätte auf der Estancia Don Miguel bei Nueva Helvecia.

Arequita, MinasGruta del Palacio, Flores

Foto links: Der Eingang der Höhle Arequita ("Wasser vom Hohen Stein") unweit von Minas. Hier entspringt der Río Santa Lucía.

Foto rechts: Ansicht der Palastgrotte ("Gruta del Palacio") in Flores, Wohnsitz von Charrúa-Kaziken?

Cementerio Indio (Indianerfriedhof), Valle Edén, TacuarambóEnergetische Steine, Estancia Don Miguel, Colonia

Foto links: Der "Cementerio Indio" (Indianerfriedhof) im Valle Edén bei Tacuarembó.

Foto rechts: Indianischer Steinkorral auf der Estancia Don Miguel.

Die Vernichtung der Charrúas

Während der Unabhängigkeitskriege haben die Charrúas in den Reihen des uruguayischen Freiheitshelden José Gervasio Artigas gekämpft, der auch eine India zur Frau hatte, und danach auch in den Verbänden der "33 Orientales" unter Führung von Juan Antonio Lavalleja, Manuel Oribe und Fructuoso Rivera.

Entscheidende Siege waren nur dank der List, der Geschicklichkeit und des Mutes der Charrúas möglich gewesen, der sprichwörtlichen "Garra Charrúa", die ihr historisches Szenario in den Unabhängigkeitskriegen hat und die sich die Uruguayer heute gerne selbst zuschreiben.

Das wurde ihnen jedoch von den damaligen Landbesitzern und denjenigen, die in dem jungen Staat Uruguay das Sagen hatten, nicht gedankt. Kurz nach Erlangen der Unabhängigkeit (1828 / 1830) wurden die ursprünglichen Bewohner Uruguays 1831 in einem systematischen Genozid ausgelöscht. Die wenigen überlebenden Charrúas wurden versklavt, einige andere als "Kuriositäten" nach Europa verkauft oder verschenkt.

Lucas Obes, Juan Antonio Lavalleja, José Ellauri und Gabriel Antonio Pereira -alle der Crême de la Crême der damaligen Gesellschaft zugehörig; nach ihnen sind heute Straßen und Plätze im ganzen Land benannt- waren die Hauptbefürworter der Beseitigung der Charrúas, angespornt auch durch brasilianische Estancieros, die sich während der brasilianischen Besetzung Uruguays (1816-1825) riesige Latifundien im Norden Uruguays unter den Nagel gerissen hatten und von den Charrúas bedrängt wurden, die dies nicht akzeptieren wollten und nach wie vor Anhänger des 1817 geschlagenen Artigas waren.

Das war, mehr als sich ereignende Viehdiebstähle, der Grund, warum die Charrúas eliminiert werden sollten und wurden: Sie pochten auf ihre Rechte, auf das von Artigas entworfene und praktizierte Modell einer multikulturellen Gesellschaft, in der Indios, Europäer und Schwarze ihren Platz hatten - eine Horrorvorstellung für bornierte und rassistische Kleingeister, die alles Fremde und Andersartige nur als 'minderwertig' und 'feindlich' wahrnehmen können.

"Untreue und Perverse" ("Infieles y Perversos") nannten die 'Stützen der Gesellschaft' die Indios, ihnen damit ihre Menschlichkeit und ihr Existenzrecht absprechend. Dabei waren sie selbst genau das: untreu und pervers. Untreu denen gegenüber, denen sie die Unabhängigkeit des Landes wesentlich mit zu verdanken hatten, und pervers, weil ihnen nichts Besseres als Verrat und Genozid zur Problemlösung einfiel.

Fructuoso Rivera y Toscana (1784 - 1854), der erste gewählte Präsident UruguaysFructuoso Rivera y Toscana (1784 - 1854; Bild links), der erste gewählte Präsident Uruguays (6. 11. 1830 - 24. 10. 1834), dessen Neffe Bernabé Rivera und Julián Laguna oblag die militärische Umsetzung der Indianervernichtung.

Das erste und größte der eiskalt geplanten Massaker an dem kleinen Eingeborenenvolk fand am 11. April 1831 an den Ufern desFlusses Salsipuedes statt, einem Seitenfluß des Río Negro, südlich desRío Queguay. Zynischerweise bedeutet "Sal si puedes" (span.) "Komm raus" oder "Geh, wenn Du kannst". Die meisten Charrúas kamen aus dem inszenierten Inferno nicht mehr heraus. Sie waren bewußt getäuscht und in eine tödliche Falle gelockt worden.

Auf ihren Patriotismus (sic!) und ihre Kampfzeiten mit Artigas und Rivera selbst anspielend, war den Charrúasim Auftrag des Präsidenten Rivera von Julián Laguna übermittelt worden, der die verschiedenen Gruppen zu diesem Zweck aufgesucht hatte, das "Vaterland" würde sie wieder brauchen "wie 1828", um gegen brasilianische Viehdiebe vorzugehen und die Souveränität des Landes zu schützen. Sie möchten bitte zu "Friedensgesprächen" am Salsipuedes erscheinen, Präsident Rivera verbürge sich persönlich.

1828 hatten die Charrúas einen wesentlichen Anteil an der Rückeroberung der uruguayischen Jesuitenmissionen im Norden des Landes gehabt. Sie waren das Herzstück von Riveras "Nordarmee" ("Ejercito del Norte") gewesen, die an der uruguayisch-brasilianischen Grenze operierte. Die Vertreibung der Besatzer im Norden und die Wiedereroberung der Missionen war entscheidend dafür gewesen, daß am 27. 8. 1828 der "Frieden von Río de Janeiro" unterzeichnet wurde und Uruguay seine nationale Unabhängigkeit erhielt.

Und so geschah es. Die Charrúas erschienen fast vollzählig mit ihren Familien.

Don Frutos, wie Fructuoso Rivera genannt wurde, hatte das alles persönlich eingefädelt. Zuerst gab es Gegrilltes und Rum. Dann bat Rivera den Oberkaziken Venado um dessen Messer, angeblich um Tabak zu schneiden. Als der Häuptling diesem Wunsch nachkam, eröffnete Rivera mit seiner Pistole das Feuer auf ihn und gab damit das Signal zum Blutbad, das 1.200 Soldaten unter dem Kommando von Bernabé Rivera dann anrichteten.

Die Charrúas waren völlig überrascht. Venado, ein großartiger Reiter und treuer Soldat von Artigas (Artigas sollen immer die Tränen gekommen sein, wenn er nur dessen Namen hörte), konnte ein Pferd erwischen und mit einigen Anderen entkommen. Die meisten Männer fanden jedoch hier den Tod, Frauen und Kinder wurden gefangen genommen und als Sklaven oder unter sklavereiähnlichen Bedingungen als Dienstmädchen und Haushaltshilfen an Familien vor allem in Montevideo verteilt. Die Charrúa-Nation war damit faktisch ausgelöscht.

Weitere Gemetzel folgten bei Paso del Sauce del Queguay und Cueva del Tigre, das erste in der Estancia von Bonifacio Penda. Bernabé Rivera, der sich die Liquidierung der "Untreuen und Perversen" zur Lebensaufgabe gemacht hatte, wie er selbst sagte, gelang es mit einer List Venado und das Dutzend Männer, das diesen begleitete, dort hin zu locken, wo sie in einem Hinterhalt umkamen.

Bernabé Rivera gilt als Gründer der heutigen Provinzhauptstadt Tacuarembó.Am 17. 8. 1831, am Fluß Mataojo Grande, nahe der Einmündung des Arapey Grande, folgte das nächste Massaker, wieder unter der Führung von Bernabé Rivera. Dabei starben die beiden Kaziken El Adivino und Juan Pedro sowie 15 weitere Indios. 82 Charrúas (Männer, Frauen, Kinder) wurden gefangen genommen, 31 konnten fliehen.

Unter den Gefangenen befand sich auch der Indio, der dann auf den Namen Ramón Mataojo getauft wurde ("Mataojo" wegen des Ortes seiner Gefangennahme) und wenig später traurige Berühmtheit erlangte als erster Charrúa, der nach Frankreich verkauft wurde (s.u.).

Foto: Standbild von Bernabé Rivera, der Gründer der heutigen Provinzhauptstadt Tacuarembó und Chefkommandant der uruguayischen Grenztruppen seit Januar 1832: Eine tragische Figur, die subjektiv das Gute wollte und -geleitet von Hybris und maßlosem Ehrgeiz- das Schlechte tat. Die aussagekräftige Skulptur zu Ehren des Caudillos wurde von dem uruguayischen Bildhauer Ulrico Habegger Balparda geschaffen.

Francisco Esteban Acuña de Figueroa (1791-1862), Dichter der uruguayischen Nationalhymne, schrieb ein Gedicht zu Ehren des Völkermörders.

Die Verfolgungen gingen ohne Gnade weiter. Am 5. Juni 1832, nach weiteren Tötungen, wurden 151 Charrúas plus Familienangehörige gefangen genommen, unter ihnen die 12 oder 15, die nach Montevideo überführt wurden, einschl. des Kaziken Vaimaca Pirú und des Medizinmanns Senaqué, die rund acht Monate später nach Frankreich verbracht wurden (s.u.).

Kurz darauf, am 20. Juni 1832, fand der blutrünstige Präsidentenneffe selbst sein Ende. Bernabé wurde von dem letzten Charrúa-Kaziken Sepé am Ufer des Yacaré Cururú überrascht und getötet, seine Sehnen zuBogensehnen verarbeitet.

Nicht nur Bernabé Rivera, auch alle anderen Heißsporne der Indiometzeleien kamen gewaltsam zu Tode: Julián Laguna, José María Raña, Juan Lavalle, Venancio Flores, Fortunato Silva, Maximiliano Obes,Eugenio Garzón... Man fühlt sich an das Wort Christi gemahnt: "Wer das Schwert zieht, wird durch das Schwert umkommen!"

Sepé und 30 weitere überlebende Charrúas kämpften später unter Manuel Oribe gegen die Colorados unter Rivera. Auf dem Gelände der Estancia von José Paz Nadal, südlich von Tacuarembó, lebte die kleine Gruppe noch bis in die 60er Jahre des 19. Jahrhunderts.

Fructuoso Rivera und die Seinen hatte nur getan, was praktisch alle europäischen Gutsbesitzer und Politiker der ehemaligen Banda Oriental damals wollten. Der Zusammenprall zweier Kulturen endete mit der Vernichtung derer, die militärtechnisch unterlegen waren.

Anekdotisch sei angemerkt, daß Riveras Kadaver nach dessen Tod an der brasilianischen Grenze in einem Faß mit Zuckerrohrschnaps nach Montevideo überführt wurde, seinem Lieblingsgetränk...

 Archäologische Funde

Charrua-Steinkeile

Bild: In Rocha gefundene, den Charrúas zugeordnete Steinkeile. Der längste mißt ca. 45 cm. Man beachte den "Vogelkeil".

Charrua-Ritualgegenstand

Bild: Ritualgegenstand der Charrúas 

Charrua-Malerei    Charrua-Malerei

Bilder: Felszeichnungen der Charrúas. Die rechte Zeichnung gemahnt an den biblischen Wal, der Jonas verschluckte.

Makabre Zirkusattraktionen

Einige Charrúas wurden als Schaustücke und Kirmesattraktionen nach Europa verschifft, wo sie wie Affen oder wilde Tiere gehalten und vorgeführt wurden. Der erwähnte Ramón Mataojo war der erste, den gemäß Regierungsdekret vom 10. 5. 1831 dieses Schicksal ereilte. Am 18. Januar 1832 ging die traurige Reise auf dem Schiff "L'Emulation" los Richtung Toulon, Frankreich, unter der Regie eines Herren namens Louis Maruis Barle.

Ramón erkrankte. Die Akten des Hospitals von Toulon zeigen, daß er vom 22. bis 29. April 1832 dort interniert war. Danach durfte er das Festland nicht mehr betreten und starb am 21. September 1832 auf hoher See.

Vier weitere Indios folgten: der Charrúa-Kazike Vaimaca Pirú (auch Perú oder Perico), der Medizinmann Senaqué (Charrúa), der Guaraní-Krieger Tacuabé sowie dessen Lebensgefährtin Guyunusa vom Volk der Minuan, deren Pubertätsmarkierungen sie aufwies. Der französische Tycoon François de Curel überführte sie auf dem Schiff "Faiçón", das am 25. Februar 1833 in Montevideo die Anker lichtete, um die vier Unglücklichen dem französischen Königshaus, wissenschaftlichen Gesellschaften und -dies vor allem- als einträgliche Volksbelustigung vorzuführen.

"Die letzten Charrúas" ("Los últimos Charrúas"), Plastik von Edmundo Prati, Gervasio Furest Muñoz und Enrique Lussich

Foto: "Die letzten Charrúas" ("Los últimos Charrúas"),
Plastik von Edmundo Prati, Gervasio Furest Muñoz und Enrique Lussich.

Hommage an Senaqué, Vaimaca Pirú, Guyunusa (mit Baby) und Tacuabé (v.l.n.r.). Aufgestellt 1938 im Parque Prado; zum nationalen Kulturerbe erklärt.

Im Land der "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" wurden die Indios von de Curel in Käfige gesteckt und gezwungen Federbüsche zu tragen. Vielen wurden die sog. 'Wilden' vorgeführt, viele bestaunten sie, auch Prominente, darunter der junge Frédéric Chopin.

Doch die 'Wilden' zeigtenmehr Menschlichkeit und Würde als ihre 'hochzivilisierten' Betrachter.Sie verweigerten sich diesem entwürdigenden Spektakel. Die beidenCharrúa-Männer hungerten sich selbst zu Tode. Bereits wenige Monatenach der Ankunft, am 26. Juli 1833, starb der erste, Senaqué, nach nur80 Tagen in Paris. Eineinhalb Monate darauf, am 13. September 1833,verstarb Vaimaca Pirú im Alter von 55 Jahren in der Chaussée D'AntinNo. 27. Er hatte sich seit seiner Ankunft in Frankreich geweigert zuessen und erlag nicht zuletzt auch den Spätfolgen einerSäbelverletzung, die er bei seiner Gefangennahme erlitten hatte. Riverahatte damals verhindert, daß er gleich bei seiner Gefangensetzungumgebracht wurde.

Vaimaca Pirú war Kampfgefährte von Artigas und später von Rivera gewesen. Unter diesem hatte er in der sog. "Nordarmee" ("Ejercito del Norte") gefochten und für die nationale Unabhängigkeit Uruguays sein Leben riskiert.

De Curel verkaufte dann Tacuabé und Guyunusa an einen Zirkus. Wenig später folgte die tapfere Indiofrau im Sterbereigen. Sie war beim Reiseantritt nach Frankreich schwanger gewesen und hatte eine Woche nach dem Tod Vaimaca Pirús am 20. 9. 1833 in Paris eine Tochter zur Welt gebracht. Zehn Monate nach dieser Geburt, am 22. Juli 1934, erlag Guyunusa einer Tuberkulose.

Von Tacuabés und des Kindes weiterem Verbleib ist nichts Gesichertes bekannt. Es wird vermutet, daß der Krieger mit dem Mädchen nach Lyon geflüchtet ist und die beiden dann dort gelebt haben.

Staatsbegäbnis im Nationalpantheon

Vaimaca Pirús sterbliche Überreste waren einbalsamiert im Pariser Musée de L'Homme ausgestellt worden - bis zu ihrer Rückführung nach Uruguay im Juli 2002. Die Regierung Battlle, derselben Partei zugehörig wie Fructuoso und Bernabé Rivera, hatte von den Franzosen erfolgreich die Freigabe des Leichnams gefordert. Im September 2000 war dieses Anliegen sogar per Gesetz zum "Nationalen Interesse" deklariert worden (Ley N° 17.256), vorbereitet bereits 1998 unter der Vorgängerregierung Sanguinetti (ebenfalls Partido Colorado).

Staatsbegräbnis von Vaimaca Perú, Montevideo, 19. Juli 2002Am Freitag, 19. Juli 2002, erhielt Vaimaca Pirú ein Staatsbegräbnis in Montevideo (Foto). Viele hundert Menschen nahmen an dieser Zeremonie teil. Nach einer langen Prozession wurde der Leichnam des Charrúa-Kaziken im Nationalpantheon des Montevideaner Zentralfriedhofs beigesetzt, der den Großen des Landes vorbehalten ist, wie z. B. Juan Zorrilla de San Martín, Carlos Quijano oder Eugenio Garzón.

Das Flugzeug mit den sterblichen Überresten Vaimacas war zwei Tage zuvor um 21.30 Uhr auf der Luftwaffenbasis Nr. 1 in Carrasco gelandet, in Anwesenheit des uruguayischen Außenministers Didier Opertti, des Kultusministers Antonio Mercader und des französischen Botschafters Thierry Reynard.

Nationale Identität und "Tag des Indios"

Ihre Beherztheit ist bis heute sprichwörtlich, und die Uruguayer sehen sich selbst gerne als Erben und Träger der "GarraCharrúa", des "Draufgängertums" der Charrúas, obwohl sie andererseits auch gerne feststellen: "Wir sind keine Indios" ("No somos indios") - eine Unterstellung, auf die außer ihnen selbst niemand kommen würde. Ungelöste Fragen nach der nationalen Identität blitzen hier auf, ebenso wie die typisch uruguayische Mischung aus Nationalstolz und Minderwertigkeitsgefühl.

Charrua-Kazike Vaimaca Pirú, Bronzestatue des uruguayischen Bildhauers Edmondo Prati, 1931, aufgestellt im Prado-Park, MontevideoUruguays Unabhängigkeit begann mit einem Genozid, wobei die, die hier ausgelöscht wurden, viel zur Erlangung ebendieser Unabhängigkeit beigetragen hatten. Das erwähnte Staatsbegräbnis, das Beschwören der "Garra Charrúa", das Sichbeziehen auf die Ureinwohner als "Vorfahren", die sie definitiv nicht sind, und vieles Andere mehr deuten darauf hin, daß die Uruguayer hier einen latenten Schuldkomplex haben.

Foto: Vaimaca Pirú, Bronzestatue des uruguayischen Bildhauers Edmondo Prati, 1931, aufgestellt im Prado-Park, Montevideo.

Straßen und Plätze wurden nach den Charrúas benannt, Kunstwerke ihnen gewidmet. Eine Kaffeemarke heißt "Chaná", und auch die Guaná haben eine Straße bekommen. Am 11. April, dem Jahrestag des Gemetzels vom Salsipuedes, wird seit 1999 der "Tag des Indios" ("Día del Indio") begangen, an dem an die Charrúas und deren Kultur erinnert wird.

2004 wurde perGesetz 17.757 die "Charrúastraße" ("Ruta de los Charrúas") geschaffen, die an wichtigen Orten dieser ausgelöschten Nation vorbeiführt. Sie beginnt auf der Ruta 90 (Paysandú)und führt über die "Cuchilla de Haedo" von Guichón nach Piñera (Camino Departamental / Landstraße Nº 69.1), Merinos (Nº 69.2), Morató (Nº 69.3), Tiatucura und Salsipuedes (Nº 78) bis zur Ruta 5.

Interessanterweise kommen die Guaraníes bei all diesen Dingen immer zu kurz. Vielleicht weil sie noch leben (vor allem im Nachbarland Paraguay) und man den Indios doch nicht zu nahe sein will? Nur ein toter Indio ist ein guter Indio?

Die Massaker an den Indios waren Verbrechen, aber falsche Identifizierungen und Glorifizierungen helfen niemandem weiter, vor allem nicht den Charrúas.

Die "Sierra de las Ánimas" bei Bellavista, die "Hügelkette der Seelen"

 

Foto: Die "Sierra de las Ánimas" bei Bellavista, die "Hügelkette der Seelen", seinerzeit ein Rückzugsgebiet der Charrúas. Deren Seelen sollen hier herumspuken, daher auch der Name. Nächtliche Irrlichter, die man hier manchmal beobachten kann, untermauern diesen Volksglauben.

Literatur

  • Tomás de Mattos: "¡Bernabé, Bernabé!", Erstausgabe 1989, erweiterte und überarbeitete Neuausgabe 2000.

  • Eduardo F. Acosta y Lara: "La Guerra de los Charrúas en la Banda Oriental", Neuauflage 1989.

  • Eduardo F. Acosta y Lara: "El País Charrúa", Erstausgabe 2002. Eine Sammlung der wichtigsten Arbeiten des Autors zum Thema.

  • Carlos Maggi: "Artigas y su Hijo el Caciquillo o Las Trescientas Pruebas Contra la Historia en Uso", Erstausgabe 1991


Weiterführende Links:

 


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